Schweigen kann sehr laut
sein
Wenn Nahestehende den
Kontakt abbrechen – Tina Solimann schrieb: „Funkstille“
Der Tod eines
geliebten Menschen ist schwer zu verkraften. Was aber, wenn Söhne oder Töchter
nichts mehr mit ihren Eltern zu tun haben wollen? Die prämierte
Fernseh-Journalistin Tina Solimann beschreibt in ihrem Buch „Funkstille“
(Klett-Cotta Verlag) an Fallbeispielen, wie es zu einem radikalen Bruch kommt.
„Ich habe 18 Jahre in einem Gefängnis gelebt“, formuliert es Michael. Seine
Mutter habe ihn mit seiner Dominanz regelrecht erdrückt. Sie kränkte ihn, er
rächt sich an ihr durch Liebesentzug.
Lisa-Maria W.
gibt zu, nicht sehr liebevoll zu ihrem Sohn gewesen zu sein. Für Michael war
der Abbruch eine Befreiung. Doch er zahlt insgesamt einen hohen Preis. Denn
nicht nur für die eigene Mutter ist er unerreichbar, sondern für alle. Er hat
weder eine Partnerin noch Freunde oder einen festen Wohnsitz.
Die
Psychotherapeuten, die in dem Sachbuch zu Wort kommen, sind sich nich einig, ob
der Abbrecher ein starker oder ein schwacher Mensch ist. „Die Funkstille ist
aggressiv und gleichzeitig ärmlich“, wird die Psychotherapeutin Trin
Haland-Wirth zitiert. Aber warum ist das wichtig? Unterschwellig scheint es in
unserer Gesellschaft ein Sakrileg zu sein, die eigene Familie anzugreifen. Egal
wie die Kindheit war. Jedem gemobbten Angestellten wird das Recht eingeräumt,
nichts mehr mit ehemaligen KollegInnen oder Vorgesetzten zu tun haben zu wollen.
Sicher, in
schlechten Beziehungen ziehen sich Partner manchmal als Machtkampf wortlos
zurück. Doch es ist im Grunde kein Vergleich zu einem ungeliebten,
ausgebeuteten Kind, das autonom sein will und ein eigenes Leben auf eigenen
Füßen beginnt. Sich total abnabelt. Auch wenn das für die Eltern schmerzhaft
ist.
Immerhin hält
es die Autorin für eine Charakterfrage, ob jemand zum Kontaktabbruch neigt.
Menschen, die alles in sich hineinfressen, seien eher gefährdet. Allen
Abbrechern gemeinsam ist die Verletzung in der frühen Kindheit. Entweder durch
Überforderung oder aus Selbstsucht. Sicher gebundene Kinder bekommen
Urvertrauen, die nicht geliebten Kinder haben ein Defizit, das sich laut
Kinder-Psychiater John Bolwby fortpflanzt.
Michael gibt
sich in seinem Beruf arrogant. Er will auf niemanden angewiesen sein. Tina
Solimann geht der Frage nach, ob die Funkstille auch positiv ist. Derjenige,
der geht, will sich selbstverwirklichen. „Wer autonom handelt, steigert dadurch
seinen Selbstwert“, schreibt die Verfasserin. Ferner hält sie es für notwendig,
im Schweigen zu sich selbst zu finden
und etwas zu ändern. So wie es war, war es nicht gut. Eine Annäherung gelänge
aber nur, wenn beide Parteien nicht auf ihren starren Positionen beharren. Bei
Maja und ihrer Mutter ist es gelungen. Das Verhältnis ist nach der Trennung
respektvoller und liebevoller geworden. Jan und seine Mutter nähern sich im
Kampf an, doch er versteht ihr Handeln nicht mehr als Vorsatz. Er nahm den
Kontakt aus „Gnade“ wieder auf und forderte eine Entschuldigung, die nach
Jahren kam.
Psychologen
meinen, dass durch den Abbruch das Grundproblem mitgenommen und nicht gelöst
wird. Sie bleiben miteinander beschäftigt. Nur: Es gibt auch den Tod eines
Nahestehenden, mit dem der Einzelne sich ja auch abfinden muss. Annäherung
durch Zwang ergibt keinen Sinn. Das wäre fast so, als ob im Streit Geschiedene
sich miteinander auseinander setzen müssen. Das kann Wunden dauernd neu
aufreißen und am Leben erhalten.
Ein Buch, das
zum Nachdenken anregt.
© Corinna S. Heyn
Tina Solimann,
Funkstille.
Wenn Menschen den Kontakt abbrechen.
Klett-Cotta 2011, 3. Auflage
http://www.klett-cotta.de