Dienstag, 18. Oktober 2011

Manche Kinder erleben das Elternhaus als Gefängnis


Schweigen kann sehr laut sein

Wenn Nahestehende den Kontakt abbrechen – Tina Solimann schrieb: „Funkstille“

Der Tod eines geliebten Menschen ist schwer zu verkraften. Was aber, wenn Söhne oder Töchter nichts mehr mit ihren Eltern zu tun haben wollen? Die prämierte Fernseh-Journalistin Tina Solimann beschreibt in ihrem Buch „Funkstille“ (Klett-Cotta Verlag) an Fallbeispielen, wie es zu einem radikalen Bruch kommt. „Ich habe 18 Jahre in einem Gefängnis gelebt“, formuliert es Michael. Seine Mutter habe ihn mit seiner Dominanz regelrecht erdrückt. Sie kränkte ihn, er rächt sich an ihr durch Liebesentzug.
Lisa-Maria W. gibt zu, nicht sehr liebevoll zu ihrem Sohn gewesen zu sein. Für Michael war der Abbruch eine Befreiung. Doch er zahlt insgesamt einen hohen Preis. Denn nicht nur für die eigene Mutter ist er unerreichbar, sondern für alle. Er hat weder eine Partnerin noch Freunde oder einen festen Wohnsitz.
Die Psychotherapeuten, die in dem Sachbuch zu Wort kommen, sind sich nich einig, ob der Abbrecher ein starker oder ein schwacher Mensch ist. „Die Funkstille ist aggressiv und gleichzeitig ärmlich“, wird die Psychotherapeutin Trin Haland-Wirth zitiert. Aber warum ist das wichtig? Unterschwellig scheint es in unserer Gesellschaft ein Sakrileg zu sein, die eigene Familie anzugreifen. Egal wie die Kindheit war. Jedem gemobbten Angestellten wird das Recht eingeräumt, nichts mehr mit ehemaligen KollegInnen oder Vorgesetzten zu tun haben zu wollen.
Sicher, in schlechten Beziehungen ziehen sich Partner manchmal als Machtkampf wortlos zurück. Doch es ist im Grunde kein Vergleich zu einem ungeliebten, ausgebeuteten Kind, das autonom sein will und ein eigenes Leben auf eigenen Füßen beginnt. Sich total abnabelt. Auch wenn das für die Eltern schmerzhaft ist.
Immerhin hält es die Autorin für eine Charakterfrage, ob jemand zum Kontaktabbruch neigt. Menschen, die alles in sich hineinfressen, seien eher gefährdet. Allen Abbrechern gemeinsam ist die Verletzung in der frühen Kindheit. Entweder durch Überforderung oder aus Selbstsucht. Sicher gebundene Kinder bekommen Urvertrauen, die nicht geliebten Kinder haben ein Defizit, das sich laut Kinder-Psychiater John Bolwby fortpflanzt.
Michael gibt sich in seinem Beruf arrogant. Er will auf niemanden angewiesen sein. Tina Solimann geht der Frage nach, ob die Funkstille auch positiv ist. Derjenige, der geht, will sich selbstverwirklichen. „Wer autonom handelt, steigert dadurch seinen Selbstwert“, schreibt die Verfasserin. Ferner hält sie es für notwendig, im Schweigen  zu sich selbst zu finden und etwas zu ändern. So wie es war, war es nicht gut. Eine Annäherung gelänge aber nur, wenn beide Parteien nicht auf ihren starren Positionen beharren. Bei Maja und ihrer Mutter ist es gelungen. Das Verhältnis ist nach der Trennung respektvoller und liebevoller geworden. Jan und seine Mutter nähern sich im Kampf an, doch er versteht ihr Handeln nicht mehr als Vorsatz. Er nahm den Kontakt aus „Gnade“ wieder auf und forderte eine Entschuldigung, die nach Jahren kam.
Psychologen meinen, dass durch den Abbruch das Grundproblem mitgenommen und nicht gelöst wird. Sie bleiben miteinander beschäftigt. Nur: Es gibt auch den Tod eines Nahestehenden, mit dem der Einzelne sich ja auch abfinden muss. Annäherung durch Zwang ergibt keinen Sinn. Das wäre fast so, als ob im Streit Geschiedene sich miteinander auseinander setzen müssen. Das kann Wunden dauernd neu aufreißen und am Leben erhalten.
Ein Buch, das zum Nachdenken anregt.
© Corinna S. Heyn

Tina Solimann,
Funkstille.
Wenn Menschen den Kontakt abbrechen.
Klett-Cotta 2011, 3. Auflage
http://www.klett-cotta.de